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Open-Source-Arbeitsplatz: „Wir müssen jetzt einen guten Draht zur Linux-Community aufbauen“

Drei Personen schauen zufrieden auf einen Bildschirm.

Ein Linux-Arbeitsplatz in der Verwaltung ist machbar. Und sorgt für mehr digitale Souveränität. Dataport hat für das Land Schleswig-Holstein eine Machbarkeitsstudie erstellt. Sascha Kern war an dem Projekt führend beteiligt und erklärt, wo bei Veränderungen wie dieser die Chancen liegen und wo die Fallstricke sind.

Sascha, ihr habt für Schleswig-Holstein eine Machbarkeitsstudie für einen Open-Source-Arbeitsplatz auf Linux-Basis erstellt. So ein Verwaltungsarbeitsplatz benötigt eine komplexe Infrastruktur. Wie geht man eine solch große Aufgabe an?

Man muss den Umfang beherrschbar machen. Im ersten Schritt haben wir die technischen Unterschiede eines Linux-Betriebssystems im Vergleich zum bestehenden Windows-Verwaltungsarbeitsplatz herausgearbeitet. Auf dieser Grundlage haben wir dann einen Linux-Arbeitsplatz strukturiert und ihn gegen die bestehende Windows-Infrastruktur geprüft. Dabei haben wir genau geschaut, mit welchen zentralen Diensten der Linux-Arbeitsplatz kompatibel ist und mit welchen nicht. Diese Erkenntnisse haben wir dokumentiert und im Anschluss bewertet, ob ein solches Vorhaben umsetzbar ist und welche Aufwände für Integrations- und Entwicklungsarbeiten entstehen. Daraus ist letztlich die Idee für die Studie entstanden. Denn es gab ein großes Interesse an unseren Ausarbeitungen und Ergebnissen.

Welche Erkenntnisse haben euch überrascht?

Erstaunlich unproblematisch war zum Beispiel das wichtige Thema Gruppenrichtlinien auf Windows-Systemen. Das Active Directory (AD) bei Windows verwaltet einerseits die Benutzer, andererseits aber auch die individuellen Systemeinstellungen auf den Geräten. Diese beiden Funktionen stehen bei Linux nicht im direkten Zusammenhang. Wollte man diesen Zusammenhang herstellen, müsste man das Windows-AD-Konzept künstlich nachbilden. Das wäre aber keine gute Lösung. Viel einfacher ist es, die beiden Funktionen zu trennen. Wir werden die Systemeinstellungen über ein gesondertes Konfigurationsmanagement abbilden und nutzen das bestehende Windows-AD nur noch für die Benutzer- und Zugangsverwaltung. Dadurch haben wir die Komplexität deutlich verringert und so einen gangbaren Weg gefunden.

Gab es auch Probleme?

Ja. Problematisch sind die Abhängigkeiten von Fachanwendungen zu Microsoft-Office-Produkten. Viele kommerzielle Softwareprodukte, die als Grundlage für Fachverfahren wie beispielsweise die E-Akte dienen, benötigen eine Schnittstelle zu Microsoft Office. Das Problem ist aber noch vielschichtiger. In der Verwaltung gibt es viele Aufgaben, für die keine Fachverfahren am Markt existieren. Die Anwender*innen entwickeln dann selbst Lösungen, etwa auf Basis von Microsoft Access oder Excel-Makros. Unsere Aufgabe war es, eine Lösung dafür zu finden, wie all diese Verfahren ohne eine lokale Microsoft-Office-Installation unter Linux zum Laufen gebracht werden können. Im Idealfall stellen wir Fachverfahren gänzlich unabhängig vom Betriebssystem bereit. Das wiederum ist ein sehr komplexes Aufgabenfeld. Deshalb haben wir uns entschieden, es auszugliedern. Die Frage, wie wir Fachverfahren unabhängig vom Betriebssystem bereitstellen können, bearbeiten wir nun in einem eigenen Projekt im Rahmen der Umsetzung der Open-Source-Strategie Schleswig-Holsteins.

Ein Linux-Arbeitsplatz ist machbar. Wie sehen die ersten Schritte bei der Umsetzung aus?

Es gilt jetzt, von Anfang an einen guten Draht zur Linux-Community aufzubauen. Dafür haben wir die Rolle des Community Managers geschaffen. Außerdem steigen wir jetzt in die Entwicklung eines Minimal Viable Product (MVP) ein. An diesem prüfen wir mit den ersten Nutzer*innen in Schleswig-Holstein die Funktionen und Bedienungskonzepte und sammeln möglichst früh Feedback ein. Aus Sicht eines Dienstleisters dient das MVP vor allem dazu, eine weitreichende Automatisierung des IT-Betriebs herzustellen.

Wie wird denn das Schleswig-Holstein-Linux später heißen?

Dataport wird keine eigene Linux-Distribution entwickeln [Anm. d. Red.: Eine Linux-Distribution stellt einen Betriebssystemkern und aufeinander abgestimmte Softwareanwendungen bereit. Jede Distribution ist auf eine bestimmte Gruppe von Anwender*innen oder einen bestimmten Systemtyp zugeschnitten]. Ganz im Gegenteil – unser Ziel ist es, möglichst nahe an der Standard-Distribution zu bleiben. Bei notwendigen Erweiterungen planen wir diesen Bedarf gezielt in die Community einzubringen oder gemeinsam mit der Community zu entwickeln. Wenn diese Weiterentwicklungen den Weg in die Distributionen finden, können alle davon profitieren.

Thema Benutzerakzeptanz: Wie nimmt man die Benutzer*innen bei so einem Projekt mit?

Das ist ein sehr wichtiges Thema. Unser Vorteil ist, dass Windows-Nutzer*innen ja auch größere Veränderungen bei den Bedienkonzepten gewohnt sind, wenn man mal an die Sprünge auf Windows 7 oder 10 denkt. Trotzdem muss man das sehr intensiv begleiten. Damit sich Nutzer*innen sofort zurechtfinden, wollen wir die Bedienkonzepte von Windows beibehalten. Das bedeutet zum Beispiel, dass Nutzer*innen wie gewohnt die Programmliste unten links in der Taskleiste finden und unten rechts eine Uhr. Gleichzeitig werden wir die Oberfläche mit neuen Bedienelementen anreichern, um den Nutzer*innen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Zum Beispiel mit einen permanenten Schnellzugriff auf häufig genutzte Anwendungen.

Idealerweise ist es so, wie wir es vergangenes Jahr bei einer Open-Source-Fachkonferenz in Berlin erlebt haben. Auf unserem Messestand hatten wir Linux-Demogeräte zum Testen hingestellt. Eine Dame aus dem Verwaltungsumfeld probierte eine ganze Zeit lang Verschiedenes aus. Und dann war ihre erste Frage: Und was ist das jetzt eigentlich, dieses Linux?

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