Porträt: Brita Markhoff – Gesetze digital nutzbar machen
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Wie können Behörden mit immer mehr Anträgen, komplexeren gesetzlichen Vorgaben und gleichzeitig wachsendem Fachkräftemangel Schritt halten? Hier setzt die Rulemapping Group an. Das Unternehmen macht Gesetze und Regeln durch digitale Modellierung direkt nutzbar und schafft eine wichtige Grundlage, um verwaltungsrechtliche Entscheidungen effizienter zu gestalten.
„Regeln müssen verständlich, anwendbar und verlässlich sein. Sonst verlieren sie Effizienz und Vertrauen“, sagt die Co-Founderin der Rulemapping Group, Ina Remmers. Die studierte Psychologin hat das Unternehmen mit Sitz in Berlin im Jahr 2024 gemeinsam mit einem interdisziplinären Team gegründet. Es entstand aus einer Idee heraus, die ursprünglich von einem Juraprofessor entwickelt wurde.
Remmers kommt aus der digitalen Plattformwelt. Zuvor war sie unter anderem am Aufbau von nebenan.de beteiligt sowie an weiteren digitalen Projekten, mit denen sie sich für den gesellschaftlichem Zusammenhalt einsetzte. Immer wieder beschäftigte sie dabei eine grundlegende Frage: Wie funktionieren eigentlich die Rahmenbedingungen, in denen Gesellschaft organisiert ist? Und warum sind genau diese Strukturen – also Gesetze, Verwaltung und Bürokratie –, oft so schwer mit der digitalen Realität zu verbinden?
Gesetze werden nicht digital gedacht
Die öffentliche Verwaltung in Deutschland ist in den vergangenen Jahren zwar digitaler geworden, aber häufig nur an der Oberfläche. Anträge können online gestellt werden, doch die eigentliche Bearbeitung erfolgt in der Regel manuell. Das Grundproblem bleibt: Gesetze liegen als Fließtext vor und müssen von den Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern je nach Fall interpretiert und entsprechend angewandt werden. Das führt zu hoher Komplexität und langen Bearbeitungszeiten.
Rulemapping setzt genau hier an: Statt Prozesse nur digital abzubilden, werden Regeln selbst strukturiert. Gesetze werden in nachvollziehbare, digitale Entscheidungslogiken, in sogenannte Rulemaps, überführt. Diese sind für Menschen verständlich, maschinenlesbar und direkt anwendbar – durch Schulungen auch von Mitarbeitenden selbst erstell- und nutzbar. „Wir übersetzen das juristische Denken in eine explizite, visuelle Struktur“, so Remmers. „Damit wird sichtbar, wie Entscheidungen entstehen und überprüfbar werden.“
Bis zu achtzig Prozent Entlastung
Der praktische Nutzen zeigt sich vor allem in standardisierten Verwaltungsverfahren mit wiederkehrenden Prüfungen wie Vollständigkeit, Anspruchsvoraussetzungen oder rechtlichen Grundlagen. Diese Schritte lassen sich mit Rulemapping Ende-zu-Ende automatisieren. In Infrastrukturprojekten wurden so bereits Effizienzsteigerungen von bis zu achtzig Prozent erreicht.
Ein Beispiel ist die Bearbeitung von Bauanträgen, die bereits bei Eingang strukturiert geprüft werden können: Sind alle Unterlagen vorhanden, stimmen Angaben und werden baurechtliche Vorgaben eingehalten? So werden Fehler früh erkannt, und Bearbeitungszeiten verkürzt.
Für Mitarbeitende verschiebt sich der Fokus von repetitiven Prüfschritten hin zu komplexeren Entscheidungen. „Die Technologie nimmt niemandem die Entscheidung ab“, betont Remmers. „Aber sie sorgt dafür, dass weniger Zeit in Routine fließt und mehr für die wirklich schwierigen Fälle bleibt.“
Baugenehmigungen als Anwendungsfall
Ein Beispiel ist ein gemeinsames Pilotprojekt mit dem Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur sowie zwei Modelllandkreisen zur Automatisierung von Baugenehmigungsprozessen. Dabei werden zwei zentrale Prüfmodule abgebildet: die formale Antragsprüfung sowie die baurechtliche Prüfung, etwa anhand von Bebauungsplänen, Abstandsregelungen und Geoinformationen.
Das System greift direkt in bestehende Verwaltungsstrukturen ein und ergänzt diese, statt sie zu ersetzen. Rulemapping wird in die vorhandene IT-Landschaft integriert und kann eigenständig oder über Schnittstellen genutzt werden. „Es geht nicht darum, Verwaltung neu zu erfinden, sondern, ihre Logik nutzbar zu machen“, erklärt Remmers. „Und genau das passiert hier sehr konkret im Alltag der Sachbearbeitung.“
Von der Regel zum digitalen Zwilling des Gesetzes
Langfristig verfolgt Rulemapping eine weitreichendere Vision: Gesetze sollen nicht mehr nur als Fließtext existieren, sondern zusätzlich als digitale, standardisierte Struktur. „Man könnte auch von einem ‚digitalen Zwilling‘ des Rechts sprechen“, so die Unternehmerin.
Für Behörden würde das bedeuten, dass neue gesetzliche Vorgaben nicht mehr vollständig neu interpretiert und in Prozesse übersetzt werden müssen. Stattdessen könnten sie direkt in bestehende Regelstrukturen integriert und dadurch schneller umgesetzt werden.
Parallel denkt Remmers das System weiter: Erste Ansätze zeigen, dass Rulemapping nicht nur die Bearbeitung unterstützt, sondern auch verändern kann, wie Regeln entstehen und angewendet werden. Strukturierte, digitale Logiken statt Fließtext schaffen dabei neue Transparenz – für die Verwaltung, die Politik und die Bürgerinnen und Bürger.
Die Vision dahinter ist weitreichend: eine Verwaltung, in der Entscheidungen nachvollziehbarer werden, Prozesse weniger Reibung erzeugen und Mitarbeitende ihr Fachwissen gezielter einsetzen können. Für Remmers ist das keine technische Detailfrage, sondern eine grundlegende Veränderung staatlichen Handelns – hin zu mehr Klarheit, Geschwindigkeit und Vertrauen in öffentliche Systeme.

