Mit Open Source zur Stadtplanung in 3D

Grünflächen, Verkehrsknotenpunkte oder ganze Quartiere: Mit dem Digitalen Partizipationssystem, kurz DIPAS, können Bürger*innen die Stadtentwicklung aktiv mitgestalten, Entwürfe vergleichen und Ideen diskutieren. Zum Beispiel bei der Planung des Bahnhofsumfelds in Hamburg-Altona, an der sich mehrere hundert Menschen online beteiligt haben.
Hat der Altonaer Bahnhofsvorplatz gegenwärtig den Charme einer Autobahnauffahrt? Wäre dort Platz für eine Markthalle nach Rotterdamer Vorbild, die zum Treffpunkt fürs ganze Viertel wird? Wo braucht es Bäume und Bänke für heiße Sommertage? Die Ideen reichen von der Rückkehr des historischen Bahnhofsgebäudes bis hin zu einem urbanen Treffpunkt mit Cafés, Kultur und vor allem viel Grün. Mit 402 Beiträgen und 1.176 Kommentaren beteiligten sich die Bürger*innen digital am Planungsprozess über DIPAS.
Und das in kurzer Zeit: Nach dem Start des Beteiligungsverfahrens im Sommer 2025 flossen die Ergebnisse direkt in einen städtebaulichen Wettbewerb ein. Bereits im Frühjahr 2026 präsentierte die Stadt Hamburg der Öffentlichkeit fünf zukunftsweisende Entwürfe für das Areal. Rund 1.000 Besucher*innen kamen zur Ausstellung der Entwürfe und bewerteten diese. „Das ist sensationell, ein Rekord für Hamburg“, erklärt Astrid Köhler, stellvertretende Leiterin der Stadtwerkstatt Hamburg und Ansprechpartnerin für Beteiligungsverfahren. „Die Bürgerinnen und Bürger waren schon an der Aufgabenstellung des Wettbewerbs beteiligt und hatten so die Chance, bei der ersten entscheidenden Weichenstellung für die Zukunft des Ortes mitzuwirken.“

Wir wollen die Menschen nicht schon bei der Registrierung verlieren. Innerhalb von Minuten kann man seinen Beitrag verfassen, von unterwegs oder zuhause und jederzeit."
Daniel Bockelmann
Produktmanager DIPAS bei Dataport

Astrid Köhler hat bereits viele Beteiligungsverfahren in Hamburg begleitet, ein Aspekt hat sie bei der Auswertung im Blick auf das Altonaer Bahnhofsumfeld überrascht: „Die Teilnehmenden legen viel Wert darauf, dass die Auswirkungen des Klimawandels mitgedacht werden. Über alle Altersgruppen hinweg wünschen sie sich einen klimafesten Ort mit viel Schatten, Grün und wenig versiegelten Flächen.“
Barrierefrei und unkompliziert
In der Praxis funktioniert eine Beteiligung mit DIPAS so: Interaktive Karten, Fotos und ergänzende Texte führen in das jeweilige Thema ein. Was ist die Historie des Ortes, der umgestaltet werden soll? Wie etwa sah es rund um den Bahnhof Altona vor 100 Jahren aus? Wie entwickelt sich das Stadtgebiet seither? Wer mitmacht, kann Anregungen und Impulse in einer Karte verorten und auch Ideen anderer Teilnehmer*innen kommentieren.
Der Zugang ist dabei möglichst niedrigschwellig. „Wir wollen die Menschen nicht schon bei der Registrierung verlieren. Innerhalb von Minuten kann man seinen Beitrag verfassen, von unterwegs oder zuhause und jederzeit“, erklärt Daniel Bockelmann, Produktmanager DIPAS bei Dataport.
Besonderen Mehrwert haben dabei die integrierten Geodaten. Daniel Bockelmann: „Wir können stadtplanerische Aspekte in 2D oder 3D abbilden. Geodaten helfen außerdem, Fragestellungen und Diskussionen zu versachlichen.“ Mit dem Tool DIPAS Stories etwa können nach dem Prinzip des „Scrollytellings“ auch komplexe Verfahren etwa zu Verkehrskonzepten oder Klimastrategien anschaulich dargestellt werden. Bei dieser Erzähltechnik werden interaktive Elemente und visuelle Animationen genutzt, um Geschichten beim Scrollen auf Webseiten zu erzählen.
DIPAS wurde von der Freien und Hansestadt Hamburg entwickelt, Dataport hilft dabei, die Open-Source-Lösung auch über Hamburg hinaus zu verbreiten. Mittlerweile kam das Tool in mehr als 150 Beteiligungsverfahren zum Einsatz. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Daniel Bockelmann. „Die DIPAS Anwender-Community wächst, und wir können jeweils wechselseitig von den Erfahrungen profitieren.“
Die Bürger*innen konnten bei der Umgestaltung des Altonaer Bahnhofs auf unterschiedliche Weise mitwirken: Sie konnten ihre Meinung in einem Vor-Ort-Laden einbringen und dort sogar gestalterische Ideen mit Modellknete formen – oder sich mit DIPAS online beteiligen. Beide Formen der Teilhabe ergänzen sich. Für Astrid Köhler hat die digitale Variante aber einen unmittelbaren Vorteil: „Alles ist direkt transparent. Ich sehe sofort, was gerade diskutiert wird, wer was einbringt und wie sich die Meinungen verteilen.“ Eine Herausforderung ist dabei die Menge an Rückmeldungen: „Viel Beteiligung bedeutet viele Daten. Und die müssen ausgewertet werden.“
Es lag daher nahe, KI-Funktionen zum Auswerten zu entwickeln. Astrid Köhler: „Wir haben zur Probe gleiche Datensätze von unterschiedlichen Menschen auswerten lassen – die Ergebnisse waren nie identisch.“ Die KI zerlegt die Beiträge in Einzelaussagen und schafft einen neutralen Überblick. Verantwortlich für die Ergebnisse bleiben letztlich die Projektverantwortlichen selbst. Sie prüfen die von der KI vorgeschlagenen inhaltlichen Cluster, können diese korrigieren und stellen die Auswertung nach fachlicher Prüfung entsprechend zusammen.

Ideen auf der Karte sammeln, Pläne kommentieren, Texte diskutieren.
Das Projekt als interaktive Geschichte mit Karten, erklärenden Texten und Videos.
Schon während des Projekts unterstützt ein Moderationsassistent. Nach Abschluss der Beteiligung sortiert, analysiert und visualisiert eine KI-Funktion das Feedback der Nutzenden. Beispielsweise werden ähnliche Inhalte gebündelt.
Alle Beteiligungen werden anschaulich dargestellt und statistisch aufbereitet. So sind die Beteiligungsaktivitäten transparent und für alle Nutzenden leicht auffindbar.
DIPAS gemeinsam weiterentwickeln und vom Erfahrungsaustausch profitieren.

Obwohl die digitale Beteiligung viele Prozesse automatisiert und KI-gestützte Auswertungen ermöglicht, liegt die letzte Entscheidung immer beim Menschen. Dabei wird das Ergebnis von der Diskurskultur geprägt. Während bei emotional geladenen Präsenzveranstaltungen oft ein rauer Ton herrscht, zeigt sich bei der Onlinebeteiligung – entgegen dem Klischee der hitzigen Internetdebatte – meist ein sachlicheres Bild. Das Format bestimmt also maßgeblich, wie konstruktiv die Argumente ausgetauscht werden.
In den kommenden Jahren geht es in Hamburg-Altona um die Detailplanungen vom Busbahnhof, von Gebäuden und von Plätzen. Auch bei den nächsten Planungsschritten für das Bahnhofsumfeld können die Bürger*innen ihre Ideen einbringen – und so ihr eigenes Lebensumfeld mitgestalten.
Mehr zu DIPAS im neuen Erklärfilm:
Digitale Bürgerbeteiligung für Kommunen